Vintage-Wahnsinn

“.... den haben schon die Beatles gespielt! “ *

Mit angemessener Sorge beobachte ich das Geschehen in der weltgrössten Verkaufsplattform im Internet um alte Röhrenverstärker und wie diese unbedarften Käufern angeboten werden. Bei allen Träumen um den sagenhaften “Vintage-Sound” sollte man grundsätzlich einiges beachten, bevor man sein sauer Verdientes für so ein Gerät auf den Tisch legt.

Diese Verstärker sind allesamt mehr als 35 Jahre alt und haben in den ganzen Jahren, selbst bei bester Pflege, fortwährend gelitten. Typische Erscheinungen sind ausgetrocknete Kondensatoren, die ihren Nennwert verloren haben und dazu auch gleich noch ihre Spannungsfestigkeit, oxidierte Regler, Widerstände weit jenseits des ursprünglichen Toleranzbereiches, brüchige Sicherungshalter, deutlich emissionsreduzierte Röhren, ein solider Dreckfilm, der seinerseits flächendeckend Bauteile untereinander elektrisch leitend verbindet und so fort.
Nicht zu vergessen, die aus heutiger Sicht teils abenteuerlichen Methoden zur Brummunterdrückung, die die elektrische Sicherheit des Gerätes deutlich einschränken und unbedingt zu beheben sind. Dazu muss man wissen, dass in diesen Geräten Spannungen zwischen 300 und 800 Volt anzutreffen sind, die bei einem Fehler zu tödlichen Stromschlägen führen können. Die Erdung dieser Geräte ist in der Regel, gemäss heutigen Richtlinien, oft unzulänglich. Bastler haben zudem immer wieder ihr Unwesen in den Geräten getrieben.

Ich habe schon viele solcher Geräte restauriert und wieder auf einen technisch einwandfreien Zustand gebracht. Die dadurch entstehenden Kosten belaufen sich nur für das Material im Mittel immer auf ca. 100 EUR, ohne den doch erheblichen, zeitlichen Aufwand für die Arbeit zu berücksichtigen.

Damit lohnt sich so eine Anschaffung nur, wenn man sich wirklich der Gesamtkosten bewusst ist und dennoch mit einem solchen Gerät arbeiten möchte.
Es nutzt auch wenig, wenn im Angebot vermerkt ist, dass neue Röhren eingesetzt wurden, da diese wahrscheinlich eh nicht lange leben, wenn nicht die gesamte Schaltung fachgerecht instand gesetzt und abgeglichen wurde, um die Röhren auch korrekt anzusteuern. Vergessene alte Kondensatoren können jederzeit durchschlagen und in Folge weitere Bauteile zerstören und das Gerät endgültig entwerten.

Ein defekter Transformator (Netz- oder Ausgangstransformator) ist in der Regel ein wirtschaftlicher Totalschaden. Der kostet allein schon um die 100 EUR! Ein Hinweis wie “habe keinen Lautsprecher, Kabel, etc. und konnte nicht testen”, sollte Sorge bereiten. Gleiches gilt für “die Röhren glühen, aber weiter konnte ich nicht testen”.

Ich sage es ganz bewusst: Ein 45 Jahre alter Echolette- oder Dynacord Verstärker (nur um die zwei ehemaligen grossen Deutschen Marken zu nennen), hat einen tatsächlichen Wert von ca. 50 EUR. wenn er noch einigermassen erkennbar dasteht. Alles darüber ist mehr oder weniger “Voodoo”. Denn auf diesen Wert muss man korrekter Weise den Aufwand für die technische Instandsetzung hinzu addieren, der im Mittel zwischen 150 und 200 EUR liegen dürfte. Damit wären wir dann schon bei 200 - 250 EUR Gesamtaufwand. Wenn der Amp aber jetzt schon bei *bay 160 EUR oder gar mehr kosten soll, sollte man sich Gedanken über die Wirtschaftlichkeit des Projektes machen.
Aber wie so oft bestimmen der Markt und Käuferwille den Preis. Und so lässt sich mit blumigen Begriffen und Worten wie “früher war sowie alles besser” eine Menge Geld verdienen.

Die berühmte Röhrenverzerrung ist auch nur bei nahezu voll ausgesteuertem Verstärker zu erreichen, so dass man vor lauter Lärm davon schon gar nichts mehr mitbekommt. Für diesen Zweck gibt es kleine Effektgeräte (mit und ohne Röhren), die das viel besser können und auch schon bei moderaten Lautstärken.
Die ersten Verstärker hatten damals nur wenig Leistung, so dass man schnell in den Endstufenzerrbereich geriet, wollte man gegen das Schlagzeug ankämpfen. Bei den heutigen Ausgangsleistungen ist das längst nicht mehr praktikabel. Man erzeugt deshalb die Verzerrung bereits in den Vorstufen des Verstärkers (Gain-Stufe).

Diese Zeilen habe ich geschrieben, um auf die generelle Problematik aufmerksam zu machen. Die ernsthaften Ambitionen von fortgeschrittenen Spielern und Sammlern nehme ich dabei ausdrücklich aus. Und wer wirklich Spass an den alten Sachen hat, so wie ich ...... warum nicht!? Man gönnt sich doch auch sonst alles! :-)

Da fällt mir noch etwas zu den Verzerrern (bzw. Overdrives) ein. Der berühmte Ibanez TS-808 oder auch TS-9 wird heute für teures Geld (als altes Originalteil) an den Mann gebracht, da ja angeblich der Operationsverstärker im Innern nicht mehr oder kaum noch zu bekommen ist. Und der soll ja für den Sound hauptverantwortlich sein. Deshalb muss man für dieses Bauteil, wenn man es überhaupt bekommt, etliche Euro auf den Tisch legen, obwohl es eigentlich lediglich 35 Cent wert ist.
Alles Unfug und Geldschneiderei, auch wenn viele “Experten” anderes konstant behaupten! So ein Operationsverstärker (OP-Amp) ist ein absolutes Standardbauteil, welches über einen weiten Frequenzbereich herrlich linear verstärkt und keinerlei Klangverformungen bewirkt. Vielmehr formt die Beschaltung um diesen OP-Amp den Sound des kleinen Fußtreters und die ist wahrlich kein Hexenwerk.

* Stimmt! Aber auch nur, weil gerade nichts anderes herumstand.

(c) Bernd Brieskorn 2016